Diagnosen Teil 2: Margret MEAD

Mann aus den USA – Frau aus England – und?

Die Anthropologin Margret MEAD hat in Großbritannien mehrere Tausend Frauen und Männer nach der Einschätzung ihrer Liebesbeziehungen befragt. Dabei ging es auch um die Art und Weise, welche Formen von Zärtlichkeiten nacheinander kommen.

Paul WATZLAWICK meint nun, das Ergebnis dieser Untersuchung bestätige seine These. D.h. dass das kommunikative Dritte auch hier störe, sogar in der Liebe, vor allem dann, wenn ein Liebespaar getrennt durch ein Weltmeer in verschiedenen Kulturen aufgewachsen ist, jeder sich an seiner Landkarte orientiert.


Man interviewte voneinander getrennt einerseits amerikanische Soldaten und andererseits englische Mädchen. Die engl. Frauen waren der Meinung, dass amerikanischen Soldaten sehr direkt, wenig taktvoll und sexuell unfein vorgehen würden. Merkwürdigerweise sagten aber die amerik. Soldaten von den engl. Frauen dasselbe, dass sie sexuell leicht zugänglich wären.

Man begann das Phänomen näher zu untersuchen und fand heraus, dass das Paarungsverhalten in England wie auch in Nordamerika vom ersten Blickkontakt bis zum Vollzug des Sexualverkehrs ungefähr über 30 Verhaltensstufen läuft. Aber, und das ist sehr wichtig dabei, die Abfolge war recht verschieden.

Da stellte sich z.B. heraus, dass Küssen im Nordamerikanischen Paarungsverhalten eine relativ harmlose Sache ist und daher sehr früh kommt, also sagen wir bei Stufe 5. Im Englischen ist Küssen hingegen schon eine sehr erotische Sache und kommt daher erst relativ spät, z.B. bei Stufe 25.

Wenn nun also der amerikanischen Soldat auf der Basis seiner inneren soziokulturellen Landkarte glaubt, die Zeit wäre gekommen, seine Freundin zu küssen, dann fand sich das engl. Mädchen ganz urplötzlich in einer Situation, die nach ihrer Landkarte noch keineswegs in das Frühstadium der Beziehung passte.

Es bleiben ihr nun eigentlich nur zwei Möglichkeiten offen: Entweder die Flucht zu ergreifen, oder aber, da zwischen Stufe 25 und 30 nur mehr 5 Stufen liegen, damit zu beginnen, sich auszuziehen.

Begann sie damit, das letztere zu tun, dann befand sich der amerikanische Soldat noch keineswegs in einer Situation, wo dieses Verhalten seiner Abfolge d.h. dem Frühstadium dieser Beziehung entsprach. Seiner Einschätzung nach war dieses Verhalten natürlich als „schamlos“ zu bezeichnen.


Nun geht es aber noch weiter. Wir denken ja alle so gerne in Pathologien und an Diagnosen.

Wenn wir uns, ohne einmal den ganzen Hintergrund miteinzubeziehen, nur das vorhin erwähnte Mädchen ansehen, so fällt es uns nicht schwer, sie vielleicht als Hysterikerin zu diagnostizieren, wenn sie davonläuft, oder als Nymphomanin, wenn sie sich an die letzten 5 Stufen macht.

WATZLAWICK: damit entstehen Beziehungspathologien, die keineswegs mehr so einfach rückführbar sind.