Diagnosen Teil 3: Chance-Risiko-Nebenwirkungen

Diagnosen als Vehikel

Beitrag in Arbeit

Erinnerungen

  • Eltern stellen ihr Kind vor, Sie sind total überfordert durch sein ständiges Ausratsen. Der Kinderarzt vermutet ein Aufmerksamkeits-Defizitit-Syndrom. Die Untersuchung bestätigt ein ADHS, die Eltern fühlen sich entlastet, das Kind hat eine Störung. Die ambulante Familienbetreuerin hingegen verortet die Unruhe und emotionale Labilität des Kindes in der Kommunikation der Eltern mit dem Kind. Noch eine Idee taucht auf, laut der Sichtweise eines Bestsellerautors handle sich um das Erscheinungsbild einen kindlich narzistischen Tyrannen (siehe u.a. Denken ist das Gespräch zwischen mir und mir selbst – Dr. Hans Henzinger) auch Der systemische Therapeut der 80-er Jahre versteht das Verhalten des Kindes natürlich das eines Index-Patienten, wobei er nicht unrecht hat. Aber darauf, Recht zu haben, beruft sich gerne jeder.
  • Eltern melden sich wegen der Verhaltensschwierigkeiten des Sohnes in der Schule an, weil dieser aus Ihrer Sicht völlig unterfordert sei und deshalb störe. Die Lehrpersonen jedoch sehen das anders und vermuten eine Überforderung. Die psychodiagnostische Abklärung der Intelligenz zeigt eine leichte geistige Entwicklungsverzögerung. Die Eltern beginnen um eine Diagnose zu feilschen und wollen die Diagnose: Austismus-Spektrum-Störung.
  • ….

Soweit ein kurzer Einblick in den wenig sterilen Kontext von Diagnose. Diagnose ist nie etwas wie eine mathematische Gleichung, wo auf der einen Seite ein klar umrissenes Verhalten steht und auf der anderen Seite nach dem „=“ der diagnostische Fachbegriff.

Fortsetzung folgt …

Diagnosen Teil 2: Margret MEAD

Mann aus den USA – Frau aus England – und?

Die Anthropologin Margret MEAD hat in Großbritannien mehrere Tausend Frauen und Männer nach der Einschätzung ihrer Liebesbeziehungen befragt. Dabei ging es auch um die Art und Weise, welche Formen von Zärtlichkeiten nacheinander kommen.

Paul WATZLAWICK meint nun, das Ergebnis dieser Untersuchung bestätige seine These. D.h. dass das kommunikative Dritte auch hier störe, sogar in der Liebe, vor allem dann, wenn ein Liebespaar getrennt durch ein Weltmeer in verschiedenen Kulturen aufgewachsen ist, jeder sich an seiner Landkarte orientiert.


Man interviewte voneinander getrennt einerseits amerikanische Soldaten und andererseits englische Mädchen. Die engl. Frauen waren der Meinung, dass amerikanischen Soldaten sehr direkt, wenig taktvoll und sexuell unfein vorgehen würden. Merkwürdigerweise sagten aber die amerik. Soldaten von den engl. Frauen dasselbe, dass sie sexuell leicht zugänglich wären.

Man begann das Phänomen näher zu untersuchen und fand heraus, dass das Paarungsverhalten in England wie auch in Nordamerika vom ersten Blickkontakt bis zum Vollzug des Sexualverkehrs ungefähr über 30 Verhaltensstufen läuft. Aber, und das ist sehr wichtig dabei, die Abfolge war recht verschieden.

Da stellte sich z.B. heraus, dass Küssen im Nordamerikanischen Paarungsverhalten eine relativ harmlose Sache ist und daher sehr früh kommt, also sagen wir bei Stufe 5. Im Englischen ist Küssen hingegen schon eine sehr erotische Sache und kommt daher erst relativ spät, z.B. bei Stufe 25.

Wenn nun also der amerikanischen Soldat auf der Basis seiner inneren soziokulturellen Landkarte glaubt, die Zeit wäre gekommen, seine Freundin zu küssen, dann fand sich das engl. Mädchen ganz urplötzlich in einer Situation, die nach ihrer Landkarte noch keineswegs in das Frühstadium der Beziehung passte.

Es bleiben ihr nun eigentlich nur zwei Möglichkeiten offen: Entweder die Flucht zu ergreifen, oder aber, da zwischen Stufe 25 und 30 nur mehr 5 Stufen liegen, damit zu beginnen, sich auszuziehen.

Begann sie damit, das letztere zu tun, dann befand sich der amerikanische Soldat noch keineswegs in einer Situation, wo dieses Verhalten seiner Abfolge d.h. dem Frühstadium dieser Beziehung entsprach. Seiner Einschätzung nach war dieses Verhalten natürlich als „schamlos“ zu bezeichnen.


Nun geht es aber noch weiter. Wir denken ja alle so gerne in Pathologien und an Diagnosen.

Wenn wir uns, ohne einmal den ganzen Hintergrund miteinzubeziehen, nur das vorhin erwähnte Mädchen ansehen, so fällt es uns nicht schwer, sie vielleicht als Hysterikerin zu diagnostizieren, wenn sie davonläuft, oder als Nymphomanin, wenn sie sich an die letzten 5 Stufen macht.

WATZLAWICK: damit entstehen Beziehungspathologien, die keineswegs mehr so einfach rückführbar sind.

Diagnosen Teil 1: Diagnosen als Etiketten

Was geschah in Grosseto?

Diese Geschichte erzählte einmal Paul Watzlawick, wobei er angab, dass sie von Selvini Palazoli stammte, die auch in Intalien gearbeitet hat. Es geht um einen Vorfall, der wirklich passiert.


Vor einigen Jahren wurde in der toskanischen Stadt Grosseto eine Frau in einem akuten schizophrenen Zustand eingeliefert. Das Spital von Grosseto hat keine eigene psychiatrische Abteilung und da die Frau aus Neapel stammte, wurde beschlossen, sie nach Neapel zur psychiatrischen Behandlung zurückzuschicken.

Als die beiden Leute von der Ambulanz erfragen, wo die Patientin sei, sagte manihnen, dass sie im Zimmer XY warte.
Und so gehen die beiden hinein und siehe da, da sitzt eine Dame schon voll angezogen auf dem Bett, die Handtasche liegt schon bereit und so sagen sie zu ihr: „Bitte kommen Sie mit!“

Und da wird die Frau plötzlich sehr, sehr erregt und sie beginnt sich zu wehren. Man verabreicht ihr eine Beruhigungsspritze und so wird sie hinuntergebracht in das Rettungsauto und dann geht’s los nach Neapel.

Auf der Höhe von Rom wird die Ambulanz von einem Polizeifahrzeug angehalten und nach Grosseto zurückgeschickt. Es war ein Irrtum passiert, man hatte die falsche Dame ins Rettungsauto verladen. Die Dame, die man im Rettungsauto hatte, war eine Frau, die in Grosseto wohnte und die gekommen war, um einen Verwandten zu besuchen, der an diesem Morgen eine kleine Operation im Spital mitgemacht hatte. Sie musste noch warten.


Das Wesentliche an diesem Vorfall ist nicht, dass nur ein bedauerlicher Irrtum passierte, der eigentlich vermieden hätte werden sollen.
Das Wesentliche an dieser Sache ist, dass eine Situation d. h. eine Wirklichkeit entstanden war, in der alles, was die Betreffende tat, also das normalste, angebrachteste, selbstverständlichste  Verhalten als weiterer Beweis ihrer Geisteskrankheit angesehen wurde.

Und das gibt zu denken, denn wir sind in unserem Leben fortwährend mit Realitäten konfrontiert, die unter Umständen dieser Art sein können. Diese Gefahr steckt vor allem in Beziehungen, in denen Macht bzw. Abhängigkeit eine gewisse Rolle spielt, also z.B. auch dort, wo jemand Verhalten oder Kommunikation anhand seiner inneren Landkarte diagnostiziert. Die „fixe“ Defintion eine bestimmten Störungsbildes interpretiert ein bestimmtes Verhalten in diesem Sinne, auch das normalste Verhalten, wie bei der Dame aus Grosseto im Sinne „Schizophrenie“.

Ein weiteres Beispiel findet sich in der nächsten Geschichte, das von Margret MEAD stammt. Lesen Sie weiter ….

Prägung

am Beispiel der Geschichte vom ESEL

Ein Herr kaufte einen kleinen Esel und gewöhnte ihn schon früh an die Härte des Lebens. Er lud ihm schwere Lasten auf, ließ ihn den ganzen Tag arbeiten und gab ihm nur das Nötigste zu fressen. Und so wurde aus dem jungen Esel bald ein richtiger Esel. Wenn sein Herr kam, ging er in die Knie, neigte tief sein Haupt und ließ sich willig jede schwere Last aufbürden, auch wenn er manchmal fast zusammenbrach.

Andere, die das sahen hatten Mitleid, sie sagten: „So ein armer Esel“. Und sie wollten ihm was Gutes tun. Der eine wollte ihm ein Stück Zucker geben der andere ein Stück Brot, ein dritter wollte ihn sogar in seine grüne Wiese locken. Doch er zeigte ihnen was für ein Esel er war. Dem einen biss er in die Hand, dem anderen trat er ins Schienbein, dem dritten gegenüber war er störrisch wie ein Esel. Und da sagten sie:  „So ein Esel und ließen ihn fortan in Ruhe.

Seinem Herrn aber fraß er aus der Hand, auch wenn es leeres Stroh war. Und er lobte ihn und sagte: „Du bist der größte Esel, den ich je gesehen habe.“ Und er gab ihm den Namen —‚IA‘ .
Später war man sich über die genaue Aussprache des Namens nicht mehr einig, bis ein Dialektiker aus Bayern meinte, sie müsse lauten IA.


Ich bin nicht mehr ganz sicher, aber ich habe diese Geschichte vor vielen Jahren bei Bert HELLINGER gehört. Sie fällt mir manchmal im Zusammenhang mit „prägender“ Bindungserfahrungen ein, wenn trotz intensiver Bemühungen von Pflegeeltern und Therapeuten es einfach nicht gelingen mag, das Blatt zu wenden. Wenn wir so etwas erleben, ist sehr schmerzlich!

Systemisch – was ist gemeint damit?

Beitrag in Arbeit

Gregory Bateson, ein Vordenker und Wegbereiter des modernen systemischen Denkens: „Ein Wald besteht nicht primär aus einzelnen Bäumen, sondern vielmehr aus der Beziehung der Bäume, Wurzeln, Pilzen, Insekten, Wärme, Licht, Wind und dem Wasserhaushalt zueinander.

Wir Menschen leben in verschiedenen Beziehungen, Systemen. Uns verbinden oder trennen Geschichten, die wir uns erzählen, positive oder auch negative Gefühle, die wir füreinander empfinden, bewusste und unbewussten Regeln.

Die Systemische Therapie fokussiert, wenn es zu Problemen kommt, nicht sosehr auf die Geschichte der einzelnen Person, sondern bezieht die Wechselwirkungen des Menschen in seinem Beziehungsgefüge mit ein.
Systemische Therapie schaut auf den Menschen mit seinen Verhaltensmustern im Kontext, die Individuen miteinander mehr oder weniger bewusst leben und bei denen es zu Störungen kommen kann.

Wir verhalten uns immer in einem Kontext, d.h. in einem größeren Zusammenhang, meist in einem Beziehungsgefüge mit anderen, aber auch intrapsychisch in unserem inneren Beziehungsgefüge in Form von inneren Anteilen.