Systemisch – was ist gemeint damit?

Beitrag in Arbeit

Gregory Bateson, ein Vordenker und Wegbereiter des modernen systemischen Denkens: „Ein Wald besteht nicht primär aus einzelnen Bäumen, sondern vielmehr aus der Beziehung der Bäume, Wurzeln, Pilzen, Insekten, Wärme, Licht, Wind und dem Wasserhaushalt zueinander.

Wir Menschen leben in verschiedenen Beziehungen, Systemen. Uns verbinden oder trennen Geschichten, die wir uns erzählen, positive oder auch negative Gefühle, die wir füreinander empfinden, bewusste und unbewussten Regeln.

Die Systemische Therapie fokussiert, wenn es zu Problemen kommt, nicht sosehr auf die Geschichte der einzelnen Person, sondern bezieht die Wechselwirkungen des Menschen in seinem Beziehungsgefüge mit ein.
Systemische Therapie schaut auf den Menschen mit seinen Verhaltensmustern im Kontext, die Individuen miteinander mehr oder weniger bewusst leben und bei denen es zu Störungen kommen kann.

Wir verhalten uns immer in einem Kontext, d.h. in einem größeren Zusammenhang, meist in einem Beziehungsgefüge mit anderen, aber auch intrapsychisch in unserem inneren Beziehungsgefüge in Form von inneren Anteilen.

Denken ist das Gespräch zwischen mir und mir selbst

Was meint der griechische Philosoph Platon damit?
„Zwischen mir und mir selbst“ – damit betont er den nicht gleich offensichtlichen UNTERSCHIED. 
Kann dieses FÜR und WIDER in mir ein sinnvoller Prozess sein? Wie gesagt, „kann“ und muss nicht. Denken scheint ein leicht störbarer Vorgang zu sein, selbst die Unsicherheit belastet schon. Wir lieben Klarheiten!
Umso verführerischer ist es, nach Spiegelungen zu suchen, d.h. nach Bestätigungen seiner selbst. „Soziale“Medien sind dabei eine „hilfreiche“ Erfindung, uns eine angenehmere „Geschichte“ erzählen zu können mithilfe vieler Likes. Tut das nicht gut?

Aber gleichzeitig beschleicht mich die Angst, unbemerkt in eine Blase zu rutschen und die Spiegelungen für Wirklichkeit zu halten. Keine Angst, diese Verzerrungen tun nicht weh!

AUTONOMIE hingegen ist oft mühsam, sich zu hinterfragen, wenn wir so zufrieden sind mit uns, mit all dem Zuspruch und den vielen Likes. Nur keine Grübeleien, kein ABER, nur keine anstrengenden Komplexitäten. Und sagte nicht jemand Wichtiger: „Die wichtigsten Dinge sind meist ganz einfach“!
Autonomie fordert vor allem die Bereitschaft, sich der eigenen Unsicherheit zu stellen, sie auszuhalten anstelle von sie zu entsorgen.

UNSICHERHEIT – gar eine TUGEND?

Daran angenähert hat mich die Arbeit mit Menschen, wenn es darum ging, diese zu verstehen in ihrem Sein und Geworden-Sein. Ich habe mich dagegen gewehrt und wie oft habe ich mich getäuscht, vor allem, wenn es um Diagnosen ging. WATZLAWICK warnte oft vor diesen Etiketten, die vorgeben, eine Wirklichkeiten abzubilden, die es so meist gar nicht gibt. D.h. nicht, dass Diagnosen nicht auch wichtig sind, aber vielleicht sollte man den damit verbundenen Unsicherheiten RAUM geben.

Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ war 2008 das meistverkaufte Sachbuch, der Autor der Psychiater Michael Winterhoff, der in Folge des Erfolgs das das Tyrannenthema in mehreren Büchern rauf und runter spielte, mehr als eine Mil­lio­n Exemplare wurden verkauft.

Zu tausenden pilgerten Pädagoginnen in seine Vorträge und haben ihm recht gegeben. Nun war es sonnenklar, Kinder werden zu Hauf zu Tyrannen erzogen von Eltern, die symbiotisch verstrickt sind mit ihren Kindern. Ich hab es nie verstanden.

Diese Spiegelungen – welch fataler Irrtum!
Daran ist nicht nur dieser Autor Winterhoff beteiligt, ebenso auch die Abnehmer*innen seiner einfachen „Wahrheit“, aber nicht die behandelten und geschundenen Kinder. Auch viele Talkshows boten ihm gerne Bühne, seine Formel vom Steckenbleiben im frühkindlichen Narzissmus und der Symbiose mit schwachen Eltern breit zu treten. Wer soviel Erfolg hatte, musste ja recht haben. Und der Erfolg in unserer Gesellschaft schützte ihn vor Hinterfragung seiner Annahmen und lieferte gleichzeitig Kinder in Not aus.

Und in diesem Sinne waren meine Vorbehalte Leichtgewichte im Vergleich zu dem „besten Kinderpsychiater“. Bis auf einmal, wo es gelang, ein Projekt einer Päd. Hochschule mit Winterhoff zu verhindern.

Apropo Wahrheit: Nun stellt sich in den Vorwürfen und Anklagen Betroffener gegen Winterhoff heraus, dass es keine Psychotherapie gab, sondern vor allem das Wundermittel Pipamperon, ein sedierendes Neuroleptikum, Kindern verabreicht über Jahre hinweg auf Basis des selbst erfundenen Diagnoseetiketts „Frühkindlicher Narzissmus“ und „Symbiose mit den Eltern“. WATZLAWICK: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel“.

Viele Jahre passierte nicht viel, bis die Journalistin Nicole Rosenbach mit Betroffenen und Fachleuten eine Dokumentation drehte über die verborgene Seite, über das, was man nicht sehen wollte, was aber den Unterschied macht.

Hier geht es zu ausgezeichnete WDR-Dokumentation darüber (ARD-Mediathek) 

Wir sehen wohl nur das, was wir sehen wollen, nie die Wirklichkeit.

So schließt sich der Kreis beim Titel des Beitrags: „Denken ist das Gespräch zwischen mir und mir selbst“ – hören wir hin, was der andere Teil in uns sagt. 

Wolfgang Borchert, Das Brot

Immer wieder arbeite ich mit älteren Paaren. Wahrscheinlich deshalb bin ich bei dieser Kurzgeschichte hängen geblieben, als sie Cornelius Hell in den Gedanken für den Tag am 19.5.21 vorlas. Die Geschichte handelt von einem alten Paar nach ende des 2. Weltkriegs.

Es ist eine der schönsten Geschichten, die ich von alten Eheleuten kenne. Und obwohl sie beide kaum ins Gesicht sehen können, er ihr auch nicht gestehen kann, dass er heimlich Brot gegessen hat, gibt ihm die Frau eine Brotscheibe mehr und macht es so, dass er sein Gesicht wahren kann, sie bewahrt seine Würde. Viel leichter wäre es wohl, ihn zu bloß zu stellen.


Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Es war zu still und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. Das war es, was es so besonders still gemacht hatte: sein Atem fehlte. Sie stand auf und tappte durch die dunkle Wohnung zur Küche. In der Küche trafen sie sich. Die Uhr war halb drei. Sie sah etwas Weißes am Küchenschrank stehen. Sie machte Licht. Sie standen sich im Hemd gegenüber. Nachts. Um halb drei. In der Küche.

Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, dass er sich Brot abgeschnitten hatte. Das Messer lag noch neben dem Teller. Und auf der Decke lagen Brotkrümel. Wenn sie abends zu Bett gingen, machte sie immer das Tischtuch sauber. Jeden Abend. Aber nun lagen Krümel auf dem Tuch. Und das Messer lag da. Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hoch kroch. Und sie sah von dem Teller weg.

„Ich dachte, hier wäre was“, sagte er und sah in der Küche umher.

„Ich habe auch was gehört“, antwortete sie, und dabei fand sie, dass er nachts im Hemd doch schon recht alt aussah. So alt wie er war. Dreiundsechzig. Tagsüber sah er manchmal jünger aus. Sie sieht doch schon alt aus, dachte er, im Hemd sieht sie doch ziemlich alt aus. Aber das liegt vielleicht an den Haaren. Bei den Frauen liegt das nachts immer an den Haaren. Die machen dann auf einmal so alt.

„Du hättest Schuhe anziehen sollen. So barfuß auf den kalten Fließen. Du erkältest dich noch.“

Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, dass er log. Dass er log, nachdem sie neununddreißig Jahre verheiratet waren.

„Ich dachte, hier wäre was“, sagte er noch einmal und sah wieder so sinnlos von einer Ecke in die andere, „ich hörte hier was. Da dachte ich, hier wäre was.“

„Ich hab auch was gehört. Aber es war wohl nichts.“ Sie stellte den Teller vom Tisch und schnippte die Krümel von der Decke.

„Nein, es war wohl nichts“, echote er unsicher.

Sie kam ihm zu Hilfe: „Komm man. Das war wohl draußen. Komm man zu Bett. Du erkältest dich noch. Auf den kalten Fliesen.“

Er sah zum Fenster hin. „Ja, das muss wohl draußen gewesen sein. Ich dachte, es wäre hier.“

Sie hob die Hand zum Lichtschalter. Ich muss das Licht jetzt ausmachen, sonst muss ich nach dem Teller sehen, dachte sie. Ich darf doch nicht nach dem Teller sehen. „Komm man“, sagte sie und machte das Licht aus, „das war wohl draußen. Die Dachrinne schlägt immer bei Wind gegen die Wand. Es war sicher die Dachrinne. Bei Wind klappert sie immer.“

Sie tappten sich beide über den dunklen Korridor zum Schlafzimmer. Ihre nackten Füße platschten auf den Fußboden.

„Wind ist ja“, meinte er. „Wind war schon die ganze Nacht.“ Als sie im Bett lagen, sagte sie: „Ja, Wind war schon die ganze Nacht. Es war wohl die Dachrinne.“

„Ja, ich dachte, es wäre in der Küche. Es war wohl die Dachrinne.“ Er sagte das, als ob er schon halb im Schlaf wäre.

Aber sie merkte, wie unecht seine Stimme klang, wenn er log.

„Es ist kalt“, sagte sie und gähnte leise, „ich krieche unter die Decke. Gute Nacht.“

„Nacht“, antwortete er noch: „ja, kalt ist es schon ganz schön.“

 Dann war es still. Nach vielen Minuten hörte sie, dass er leise und vorsichtig kaute. Sie atmete absichtlich tief und gleichmäßig, damit er nicht merken sollte, dass sie noch wach war. Aber sein Kauen war so regelmäßig, dass sie davon langsam einschlief.

Als er am nächsten Abend nach Hause kam, schob sie ihm vier Scheiben Brot hin. Sonst hatte er immer nur drei essen können.

 „Du kannst ruhig vier essen“, sagte sie und ging von der Lampe weg. „Ich kann dieses Brot nicht so recht vertragen. Iss doch man eine mehr. Ich vertrag es nicht so gut.“

Sie sah, wie er sich tief über den Teller beugte. Er sah nicht auf. In diesem Augenblick tat er ihr leid.

„Du kannst doch nicht nur zwei Scheiben essen“, sagte er auf seinen Teller.

 „Doch. Abends vertrag ich das Brot nicht gut. Iss man. Iss man.“

 Erst nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe an den Tisch.

(aus: Wolfgang Borchert, Das Gesamtwerk, Hamburg: Rowohlt 1949/2009, S.320-322)

Alltag, die gefährlichste Droge

immer wieder begegnet mir dieses Thema
heute, im fortgeschrittenen Alter öfter
das Lebensende rückt in greifbare Nähe
der Tod ein Alltagsereignis?

Das Thema begegnet mir aber auch in meiner Arbeit
gerade dort, wo Alltag etwas betäubt und vergessen lässt
was wichtig ist wie Wasser zum Leben
einzigartig, flüchtig, lästig, wunderbar, vergänglich.

Und dann sitz ich am Totenbett meiner Tante
ein paar Takte vor dem nahen Tod
und eine ganze Weile nach dem Tod
alleine mit ihr
ich habe das Gefühl, die Zeit bleibt stehen
ich habe den Alltag für eine Weile verloren.

Eigentlich habe ich Musik mitgebracht
für sie und für mich
„Für Alina“ von Arvo Pärt
ich höre und staune
spüre die Ferne des Alltags
und erliege dem Bann des Moments.


Die nachfolgende Anregung ergab sich zufällig, Gedanken zum Tag (ORF-Ö1) 27.1.2021

Cornelius Hell über „die heilige Vergänglichkeit“ menschlichen Lebens, anlässlich des 100. Geburtstages von Kurt Marti

Alltag, gefährlichste Droge, von keinem Betäubungsmittelgesetz verboten.
Diese Diagnose aus dem Essayband „Zärtlichkeit und Schmerz“ des Schweizer Schriftstellers und Theologen Kurt Marti hat mir sofort eingeleuchtet.

Was alles alltäglich werden und woran man sich gewöhnen kann!
Die Liebe und die Beziehungen zu den nächsten Menschen,
die Faszination von Literatur und Kunst, die Praxis der Religion –
alles kann in banalster Alltagsroutine versacken.

„Ich kann nicht leben ohne Ekstase“, habe ich einmal in mein Tagebuch geschrieben. Aber diese großspurige Behauptung hat mich gegen die Droge Alltag auch nicht immunisiert.

So suche ich also, was sich in den Schriften von Kurt Marti an Wegen aus der öden Alltagsroutine findet.

Wozu beten? Damit uns nichts selbstverständlich wird, schreibt er in seinem Buch „Heilige Vergänglichkeit“.

Ich verstehe: Wenn uns die Klageschreie und das hymnische Lob, die beiden Grundströme des Gebetes, verloren gehen, dann kann sich das Lebensgefühl leicht auf eine wohltemperierte Gleichförmigkeit einpendeln und der Enthusiasmus auf die kleinen Freuden und Annehmlichkeiten des Alltags zusammenschrumpfen.

Hören Sie rein
https://oe1.orf.at/player/20210126/625396


Kurt Marti
Heilige Vergänglichkeit. Spätsätze. Radius Verlag 2010
Gedichte am Rand. Niggli, Teufen (Erstausgabe 1963) 1974,
Zärtlichkeit und Schmerz. Notizen. Luchterhand Verlag 1979

ADHS: IST EINE ZU FRÜHE EINSCHULUNG SCHULD AN DER HÄUFIGEN DIAGNOSE?

Früh eingeschulte Kinder bekommen häufiger die Diagnose ADHS und entsprechende Medikamente als ihre älteren Klassen­kameraden. Das geht aus einer neuen Studie des Versorgungsatlasses und der Ludwig-Maximilians-Universität München über das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom hervor. Von den Kindern, die erst kurz vor dem Stichtag zur Einschulung sechs Jahre alt wurden, erhielten 5,3 Prozent im Laufe der folgenden Jahre die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung). Bei den rund ein Jahr älteren Kindern in der Studie waren es 4,3 Prozent. Wenige Wochen oder Tage zwischen Geburtstag und Stichtag können somit gravierende Folgen haben.

«Unsere Studie zeigt, dass die traditionelle Einschulungspolitik, bei der die Schulpflicht an gegebene Stichtage geknüpft wird, die Diagnosehäufigkeit psychischer Erkrankungen bei Kindern beeinflussen kann», schreiben die Forscher. Die Frage, warum jüngere Kinder eher als impulsiv, hyperaktiv und unaufmerksam gelten, kann die Studie nicht beantworten. Die Forscher vermuten jedoch, dass das Verhalten der jüngeren und oft unreiferen Kinder mit dem ihrer älteren Klassenkameraden verglichen wird. Dadurch werde deutlich, dass das negative Verhalten bei den Jüngeren ausgeprägter sei, und dies möglicherweise als ADHS interpretiert. Die Wahrscheinlichkeit einer entsprechenden Diagnose steige.

EMPATHISCHE BERÜHRUNG LINDERT SCHMERZEN

Ob Baby oder Greis: Menschen leiden weniger stark unter Schmerz und Stress, wenn sie berührt werden.

Von Werner Bartens, Süddeutsche Zeitung. Link: http://www.sueddeutsche.de/politik/studie-beruehrende-medizin-1.3556150
Pavel Goldstein kam während der Geburt seiner inzwischen vierjährigen Tochter auf die Idee. „Meine Frau hatte starke Wehen und ich dachte nur daran, wie ich ihr helfen könnte“, erinnert sich der Psychologe von der Universität Haifa. „Ich hielt ihre Hand und das schien die Beschwerden bereits zu lindern. Deshalb wollte ich später im Labor herausfinden, ob Berührung tatsächlich die Schmerzen verringern kann – und wenn ja, wie.“ Was passiert, wenn einer intuitiv die Hand des anderen ergreift, sobald der Zahnarztbohrer, fiese Spritzen oder andere brenzlige Situationen drohen?
Der Wissenschaftler aus Israel hat mit seinem Team bei jungen Paaren untersucht, was Körperkontakt bewirken kann. Im Fachblatt Scientific Reports zeigen die Forscher, dass sich physiologische Vorgänge wie Herzschlag und Atmung bereits einander annähern, wenn sich Partner im selben Raum befinden. Plötzlich auftretender Schmerz – in diesem Fall ausgelöst durch leichte Hitzereize am Unterarm – unterbricht diese Synchronisierung jedoch. Dürfen sich die Paare hingegen berühren, während der Schmerz ausgelöst wird, passen sich die Rhythmen einander an und das Leiden wird weniger stark empfunden.
Die schmerzlindernde Wirkung der Berührung lässt sich sogar noch steigern. Sie fällt umso stärker aus, je ausgeprägter die Empathie füreinander ist. „Berührung könnte das Werkzeug sein, mit dem wir Mitgefühl vermitteln“, sagt Goldstein. „Die Folgen sind mit der Einnahme von Schmerzmitteln vergleichbar.“
Berührung ist die erste Sprache. Babys spüren von Anfang an die beruhigende Wirkung und behagliche Wärme, wenn sie angefasst werden. Sie wachsen schneller, sind weniger schmerzempfindlich und besser vor Infektionen geschützt, wenn sie immer wieder liebevoll berührt werden. Doch viele Gesellschaften pflegen mit zunehmendem Alter nicht Nähe und Körperkontakt; vielmehr prägen Distanz und Abgrenzung das Miteinander. Dabei gilt auch für Erwachsene, dass Gefäße elastischer bleiben, Herzinfarkte seltener sind und die Mobilität im Alter erst später eingeschränkt ist, wenn man immer wieder liebevoll berührt wird.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, auch wenn das im Alltag oft nicht zu spüren ist. Sehen Kinobesucher einen bewegenden Film, gleichen sich ihre Herzrhythmen und Atemzüge an, beim Singen und Tanzen geschieht das sowieso, aber auch zwei Fußgänger fallen nebeneinander in den gleichen Schritt und in Konferenzen nehmen Kollegen die gleiche Sitzhaltung ein. Umgekehrt ist Einsamkeit und Ablehnung sogar körperlich schmerzhaft. „Ausgrenzung tut physisch weh“, sagt Naomi Eisenberger von der University of California in Los Angeles. Sie spricht von „sozialen Schmerzen“, die entstehen, wenn jemand aus einer Gruppe ausgeschlossen wird und sich allein fühlt.
Paare, Freunde und Kollegen sollten deshalb die hauseigene Schmerzapotheke öfter nutzen, fordert Goldstein. Leiden lassen nach, und schon bei gelegentlichen flüchtigen Berührungen halten Beziehungen länger. Sogar ein Berg wirkt weniger steil, wenn man Händchen hält. Beim Anstieg zum Gipfel kann es nie schaden, im Gleichschritt und mit synchronem Puls voranzukommen.

EINSAME KRANKE LEIDEN BESONDERS

Wer sich sozial ausgeschlossen fühlt, leidet stärker unter Krankheits-Symptomen.
In einem Experiment infizierten Forscher Testpersonen mit Erkältungsviren. Für Personen, die in psychologischen Tests als einsam bewertet wurden, fühlte sich die Erkrankung schlimmer an.
Andere Studien liefern Hinweise dafür, dass Einsamkeit die Anfälligkeit für diverse Leiden steigert und die Abwehrkräfte schwinden.

Von Werner Bartens
Einsamkeit hat viele Schattenseiten. Wer sich von der Gemeinschaft ausgeschlossen und isoliert fühlt, bei dem leidet nicht nur die Seele, auch das körperliche Wohlbefinden wird dadurch erheblich beeinträchtigt. Sogar eine banale Erkältung fühlt sich dann schlimmer an. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen der Rice University im Fachmagazin Health Psychology (online). Vermutlich hat der Ausdruck, „verschnupft“ zu sein, daher seine doppelte Bedeutung.
„Es ist zwar schon länger bekannt, dass Einsamkeit die Wahrscheinlichkeit erhöht, an diversen chronischen Leiden zu erkranken und früher zu sterben“, sagt Angie LeRoy, die an der Studie beteiligt war. „Aber wir wollten wissen, wie sich dieses Gefühl auf eine vorübergehende akute Erkrankung auswirkt, die wir alle kennen und für die wir alle empfänglich sind.“ Die Forscher um den Psychologen Chris Fagundes ließen Freiwillige an einer originellen Untersuchung teilnehmen: 159 Erwachsene gaben zunächst ihre sozialen Interaktionen an. Zudem wurde in ausführlichen Evaluationen erfasst, wie einsam sie waren. Anschließend wurden sie via Nasentropfen mit Erkältungsviren infiziert und kamen fünf Tage zur Quarantäne in ein Hotelzimmer.
Nach kurzer Zeit entwickelten tatsächlich 75 Prozent aller Teilnehmer eine Erkältung. Wer vorher aufgrund der psychologischen Tests als besonders einsam eingestuft worden war, litt jedoch auffallend stärker an Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Wenige Kontakte und das Gefühl der Isolation führten dazu, dass die Symptome eines grippalen Infektes schlimmer empfunden wurden. Leichter angesteckt wurden die Einsamen hingegen nicht.
Die Zahl der Freunde bei Facebook sagt nichts über Einsamkeit aus

Das Gefühl der Einsamkeit war interessanterweise auch bei jenen Menschen vorhanden, die zwar etliche Bekannte haben, sich aber nicht wirklich aufgehoben und in die Gemeinschaft integriert wähnen. Auch die Zahl der „Freunde“ und „Follower“ in sozialen Netzwerken sagte nichts darüber aus, wie einsam sich die Menschen tatsächlich fühlten. „Wir haben auf die Qualität und nicht die Quantität der Beziehungen geachtet. Man kann sich auch in einem überfüllten Raum einsam fühlen“, sagt Angie LeRoy. „Die subjektive Wahrnehmung ist das, was zählt.“
Die Psychologen wollen den Blick dafür schärfen, dass bei Patienten immer auch die psychische Verfassung eine Rolle spielt, wenn sie krank in Praxis oder Klinik kommen. „Wir haben hier einen gezielten akuten Stressreiz, der auf eine bestimmte Verfassung, nämlich die Einsamkeit trifft“, sagt Psychologe Fagundes. Und bereits bei einer banalen Erkrankung wie zum Beispiel einer Erkältung zeigen sich erstaunliche Unterschiede.
In früheren Untersuchungen hatten Wissenschaftler gezeigt, dass einsame Menschen auch empfindlicher auf Schmerzreize reagieren. Ihre Schmerzschwelle ist durch das Gefühl der Isolation verändert, sodass die Ausgrenzung geradezu körperlich nachempfunden wird. „Ausgrenzung tut physisch weh“, sagt beispielsweise Naomi Eisenberger von der University of California in Los Angeles. Wer von anderen abgelehnt wird, bei dem werden die Nervenbahnen für Schmerzen empfänglicher; die Wissenschaftlerin spricht deshalb von „sozialen Schmerzen“.
Andere Studien liefern Hinweise dafür, dass Einsamkeit die Anfälligkeit für diverse Leiden steigert und die Abwehrkräfte schwinden. Fühlen sich Frauen in ihrer Partnerschaft nicht aufgehoben und zu wenig verstanden, erkranken sie öfter an Infekten – von der Bronchitis bis zur Blasenentzündung. Die Seele weint dann, sagen psychosomatisch orientierte Ärzte.

Supervision – was ist das?

Beschreibung

Arbeit in sozialen Kontexten bedarf der Reflexion eigenen Handelns. Nutzt man dazu eine Gruppe, eröffnet man die Chance, Rückmeldung von Menschen mit anderen Sichtweisen zu erhalten. Rückmeldung fördert einen Lernprozess, kann neue Zugangswege und Einsichten öffnen. Rückmeldung kann die eigene Landkarte von der Welt in Frage stellen und zu einer Anpassung an das Gebiet führen (und nicht umgekehrt). So kann Supervision zu einer Erweiterung der Wahlmöglichkeiten eigenen Verhaltens führen.

Den nachfolgend angeführten Formen ist gemeinsam, dass der Supervisor nicht alles besser weiß oder wissen sollte. Supervision ist also keine berufsbezogene Instruktion, sondern vor allem die Reflexion eigenen Handelns mit dem Ziel einer beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung. Damit soll Supervision einerseits der Qualitätssicherung dienen, andererseits aber auch dem Erhalte seelischen Gesundheit.

  • Einzelsupervision: Hier steht die berufliche Situation im Vordergrund im Setting des Einzelgesprächs. Gesprächsinhalt bildet das persönliches Erleben und Verhalten, Werte, Erfahrungen, Gedanken und Gefühle und ganz wesentlich auch Übertragung und Gegenübertragung.
  • Fallsupervision (einzeln oder in der Gruppe): Dabei steht die Arbeit mit den KlientInnen im Fokus mit dem Ziel, diese weiter zu entwickeln. Ein weiterer Aspekt betrifft die Unterstützung und Entlastung der Betreuenden. Bei Fallsupervision in der Gruppe dient diese als eine Art Projektionsfläche, Konflikte aber auch Ressourcen können deutlich werden, mit dem Ziel, ev. neue Lösungen zu finden. Aber auch spielt Übertragung und Gegenübertragung eine wesentliche Rolle.
  • Teamsupervision: Der Fokus liegt hier beim Umgang der Mitglieder eines Teams. Teilnehmer sind die Mitarbeiter eines Arbeitsteams oder Mitarbeiter mit vergleichbaren Aufgaben. Ziel ist eine gute Zusammenarbeit durch gegenseitige Unterstützung, gemeinsames Lernen bei der Suche nach Lösungen. Dementsprechend geht es dabei um Kooperation, Kultur, Werte, Abläufe und Strukturen. Persönliche Themen werden nur soweit thematisiert, wenn sie wesentlichen Einfluss haben auf die Zusammenarbeit, ob sie ihn nun fördern oder stören. Übergeordnetes Ziel ist aber auch hier die Auftragssituation mit KlientInnen.

Persönliche Gedanken zu meinem Verständnis von Supervision

Steht in der Psychotherapie die Lebenssituation, die Lebensgeschichte und Ziele des Klienten im Vordergrund, ist es in der Gruppenarbeit die Gruppe mit ihrem Prozess. In der Gruppensupervision bildet den Mittelpunkt der vorgestellte Patient/in/Klient/in und sein/em/seiner/m Therapeut/in/Betreuer/in. Warum? Phänomene wie Übertragung und Gegenübertragung spielen in der Beziehung zwischen Klient/in und Therapeut/in/ Betreuer/in eine wesentliche Rolle.

  • Unter Übertragung (des Klienten, Patienten) versteht man die Projektion meist nicht bewusster bzw. verdrängter Gefühle, Erwartungen, Wünsche aber auch Befürchtungen aus der eigenen Entwicklungsgeschichte auf neue soziale Beziehungen und Situationen. Dies bedeutet, dass auch die Person des Helfers (Betreuers) zur Projektionsfläche für die/den Klienten wird, ohne dass ihr/ihm das so bewusst ist.
  • Doch auch die/der Helfer/in hat ihre Entwicklungsgeschichte und projeziert ihrerseits ihre Gefühle, Erwartungen aber auch Befürchtungen auf die/den Klientin/en. Dies bezeichnet man als Gegenübertragung. So entstehen mehr oder weniger komplexe Wechselwirkungen zwischen der Übertragung des Klienten und der Gegenübertragung des Helfers.

Diese aus der Tiefenpsychologie stammenden Begriffe (Freud) finden ihre Entsprechung auch im Konzept der Bindungstheorie (Bowlby), nach der wir in den ersten Lebensjahren eine innere Vorstellung von Bindung entwickeln, wie immer diese auch sein mag. Und diese innere Repräsentanz (das innere Arbeitsmodell) übertragen wir meist unreflektiert auf spätere Beziehungen, d.h. wir gehen davon aus, dass es dort auch so ist.
Deshalb geht es auch in der Supervision darum, zu lernen, diese eigenen unbewussten Prozesse wahrzunehmen anhand von Fallarbeit (Balint: Selbsterfahrung und Fallarbeit). Dies kann zu einem veränderten Verständnis der aktuellen Beziehungsdynamik und einer lösungsorientierten Korrektur führen.

Diese Arbeit bedarf der wesentlichen Rahmenbedingung des gegenseitigen Respekts und des Vertrauens, etwas, was einer geschlossenen Gruppe bedarf. Nur so kann die Gruppe zu einer Art sozialen und emotionalen Resonanzkörper werden, wenn ein/e Teilnehmer/in seinen/ihren „Fall“ vorstellt.

Der Supervisor ist aufmerksamer Begleiter der Gruppe, er ermöglicht der Gruppe den notwendigen Freiraum, in sich hineinzuhören und die eigenen Impulse in Bezug auf die Person des/der Fallvorstellers/in wahrzunehmen. Er strukturiert bei Bedarf die Gruppeneinfälle und achtet auf unbewusste Gruppenprozesse (Gruppengeschehen als Analogie zur Fallbeziehung). So kann die Gruppe als wesentliche Ressource genutzt werden, den eigenen Horizont zu erweitern, indem auch die eigene Gegenübertragung zu verstehen und nutzbar zu machen.

Coaching – was ist das?

Coaching ist eine Beratungsform und bezeichnet strukturierte Gespräche zwischen einem Coach und einem Coachee (Klienten). Der Coach übernimmt die Rolle eines nicht die Lebenswelt des Ratsuchenden involvierten Gesprächspartners mit wohlwollender und auch kritischer Intention. Inhaltlich geht es vor allem um die Reflexion eigenen Verhaltens und Erlebens im beruflichen Kontext (Führung, Konflikte, Kommunikation) und um eine ziel- bzw. lösungsorientierte Zusammenarbeit anhand der vom Klienten gewählten Themen. Wesentliches Anliegen ist es, den Coachee durch Rückmeldung, Training und Beratung zu befähigen, selbst geeignete Schritte zu seinem Ziel zu entwickeln.