Älter werden

Meist vergessen wir darauf, vor allem aber an Geburtstagen holt es uns ungebeten ein.

Mit jedem Jahr mehr verliert das Leben etwas von seiner früheren absoluten Selbstverständlichkeit. Auf ihrem Platz nistet sich Schritt für Schritt das GeWAHRwerden der eigenen Endlichkeit ein, verbunden mit leiser Traurigkeit.

Und dann begegne ich Kindern, spüre ich diese Selbstverständlichkeit des Lebens, als gäbe es nichts anders, auch keine Zeit, nur ein JETZT.

Da fällt mir ein, was ich mal gelernt habe, aber nicht wirklich verstanden habe, wenn Heidegger von „Seinsvergessenheit“ sprach. Vielleicht verstehen wir unser SEIN erst, wenn es schmerzlich vergeht.

Denken ist das Gespräch zwischen mir und mir selbst

Was meint der griechische Philosoph Platon damit?
„Zwischen mir und mir selbst“ – damit betont er den nicht gleich offensichtlichen UNTERSCHIED. 
Kann dieses FÜR und WIDER in mir ein sinnvoller Prozess sein? Wie gesagt, „kann“ und muss nicht. Denken scheint ein leicht störbarer Vorgang zu sein, selbst die Unsicherheit belastet schon. Wir lieben Klarheiten!
Umso verführerischer ist es, nach Spiegelungen zu suchen, d.h. nach Bestätigungen seiner selbst. „Soziale“Medien sind dabei eine „hilfreiche“ Erfindung, uns eine angenehmere „Geschichte“ erzählen zu können mithilfe vieler Likes. Tut das nicht gut?

Aber gleichzeitig beschleicht mich die Angst, unbemerkt in eine Blase zu rutschen und die Spiegelungen für Wirklichkeit zu halten. Keine Angst, diese Verzerrungen tun nicht weh!

AUTONOMIE hingegen ist oft mühsam, sich zu hinterfragen, wenn wir so zufrieden sind mit uns, mit all dem Zuspruch und den vielen Likes. Nur keine Grübeleien, kein ABER, nur keine anstrengenden Komplexitäten. Und sagte nicht jemand Wichtiger: „Die wichtigsten Dinge sind meist ganz einfach“!
Autonomie fordert vor allem die Bereitschaft, sich der eigenen Unsicherheit zu stellen, sie auszuhalten anstelle von sie zu entsorgen.

UNSICHERHEIT – gar eine TUGEND?

Daran angenähert hat mich die Arbeit mit Menschen, wenn es darum ging, diese zu verstehen in ihrem Sein und Geworden-Sein. Ich habe mich dagegen gewehrt und wie oft habe ich mich getäuscht, vor allem, wenn es um Diagnosen ging. WATZLAWICK warnte oft vor diesen Etiketten, die vorgeben, eine Wirklichkeiten abzubilden, die es so meist gar nicht gibt. D.h. nicht, dass Diagnosen nicht auch wichtig sind, aber vielleicht sollte man den damit verbundenen Unsicherheiten RAUM geben.

Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ war 2008 das meistverkaufte Sachbuch, der Autor der Psychiater Michael Winterhoff, der in Folge des Erfolgs das Tyrannenthema in mehreren Büchern rauf und runter spielte, mehr als eine Mil­lio­n Exemplare wurden verkauft.

Zu tausenden pilgerten Pädagoginnen in seine Vorträge und haben ihm recht gegeben. Nun war es sonnenklar, Kinder werden zu Hauf zu Tyrannen erzogen von Eltern, die symbiotisch verstrickt sind mit ihren Kindern. Ich hab es nie verstanden.

Diese Spiegelungen – welch fataler Irrtum!
Daran ist nicht nur dieser Autor Winterhoff beteiligt, ebenso auch die Abnehmer*innen seiner einfachen „Wahrheit“, aber nicht die behandelten und geschundenen Kinder. Auch viele Talkshows boten ihm gerne Bühne, seine Formel vom Steckenbleiben im frühkindlichen Narzissmus und der Symbiose mit schwachen Eltern breit zu treten. Wer soviel Erfolg hatte, musste ja recht haben. Und der Erfolg in unserer Gesellschaft schützte ihn vor Hinterfragung seiner Annahmen und lieferte gleichzeitig Kinder in Not aus.

Und in diesem Sinne waren meine Vorbehalte Leichtgewichte im Vergleich zu dem „besten Kinderpsychiater“. Bis auf einmal, wo es gelang, ein Projekt einer Päd. Hochschule mit Winterhoff zu verhindern.

Apropo Wahrheit: Nun stellt sich in den Vorwürfen und Anklagen Betroffener gegen Winterhoff heraus, dass es keine Psychotherapie gab, sondern vor allem das Wundermittel Pipamperon, ein sedierendes Neuroleptikum, Kindern verabreicht über Jahre hinweg auf Basis des selbst erfundenen Diagnoseetiketts „Frühkindlicher Narzissmus“ und „Symbiose mit den Eltern“. WATZLAWICK: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel“.

Viele Jahre passierte nicht viel, bis die Journalistin Nicole Rosenbach mit Betroffenen und Fachleuten eine Dokumentation drehte über die verborgene Seite, über das, was man nicht sehen wollte, was aber den Unterschied macht.

Hier geht es zu ausgezeichnete WDR-Dokumentation darüber (ARD-Mediathek) 

Wir sehen wohl nur das, was wir sehen wollen, nie die Wirklichkeit.

So schließt sich der Kreis beim Titel des Beitrags: „Denken ist das Gespräch zwischen mir und mir selbst“ – hören wir hin, was der andere Teil in uns sagt. 

Alltag, die gefährlichste Droge

immer wieder begegnet mir dieses Thema
heute, im fortgeschrittenen Alter öfter
das Lebensende rückt in greifbare Nähe
der Tod ein Alltagsereignis?

Das Thema begegnet mir aber auch in meiner Arbeit
gerade dort, wo Alltag etwas betäubt und vergessen lässt
was wichtig ist wie Wasser zum Leben
einzigartig, flüchtig, lästig, wunderbar, vergänglich.

Und dann sitz ich am Totenbett meiner Tante
ein paar Takte vor dem nahen Tod
und eine ganze Weile nach dem Tod
alleine mit ihr
ich habe das Gefühl, die Zeit bleibt stehen
ich habe den Alltag für eine Weile verloren.

Eigentlich habe ich Musik mitgebracht
für sie und für mich
„Für Alina“ von Arvo Pärt
ich höre und staune
spüre die Ferne des Alltags
und erliege dem Bann des Moments.


Die nachfolgende Anregung ergab sich zufällig, Gedanken zum Tag (ORF-Ö1) 27.1.2021

Cornelius Hell über „die heilige Vergänglichkeit“ menschlichen Lebens, anlässlich des 100. Geburtstages von Kurt Marti

Alltag, gefährlichste Droge, von keinem Betäubungsmittelgesetz verboten.
Diese Diagnose aus dem Essayband „Zärtlichkeit und Schmerz“ des Schweizer Schriftstellers und Theologen Kurt Marti hat mir sofort eingeleuchtet.

Was alles alltäglich werden und woran man sich gewöhnen kann!
Die Liebe und die Beziehungen zu den nächsten Menschen,
die Faszination von Literatur und Kunst, die Praxis der Religion –
alles kann in banalster Alltagsroutine versacken.

„Ich kann nicht leben ohne Ekstase“, habe ich einmal in mein Tagebuch geschrieben. Aber diese großspurige Behauptung hat mich gegen die Droge Alltag auch nicht immunisiert.

So suche ich also, was sich in den Schriften von Kurt Marti an Wegen aus der öden Alltagsroutine findet.

Wozu beten? Damit uns nichts selbstverständlich wird, schreibt er in seinem Buch „Heilige Vergänglichkeit“.

Ich verstehe: Wenn uns die Klageschreie und das hymnische Lob, die beiden Grundströme des Gebetes, verloren gehen, dann kann sich das Lebensgefühl leicht auf eine wohltemperierte Gleichförmigkeit einpendeln und der Enthusiasmus auf die kleinen Freuden und Annehmlichkeiten des Alltags zusammenschrumpfen.

Hören Sie rein
https://oe1.orf.at/player/20210126/625396


Kurt Marti
Heilige Vergänglichkeit. Spätsätze. Radius Verlag 2010
Gedichte am Rand. Niggli, Teufen (Erstausgabe 1963) 1974,
Zärtlichkeit und Schmerz. Notizen. Luchterhand Verlag 1979

EMPATHISCHE BERÜHRUNG LINDERT SCHMERZEN

Ob Baby oder Greis: Menschen leiden weniger stark unter Schmerz und Stress, wenn sie berührt werden.

Von Werner Bartens, Süddeutsche Zeitung. Link: http://www.sueddeutsche.de/politik/studie-beruehrende-medizin-1.3556150
Pavel Goldstein kam während der Geburt seiner inzwischen vierjährigen Tochter auf die Idee. „Meine Frau hatte starke Wehen und ich dachte nur daran, wie ich ihr helfen könnte“, erinnert sich der Psychologe von der Universität Haifa. „Ich hielt ihre Hand und das schien die Beschwerden bereits zu lindern. Deshalb wollte ich später im Labor herausfinden, ob Berührung tatsächlich die Schmerzen verringern kann – und wenn ja, wie.“ Was passiert, wenn einer intuitiv die Hand des anderen ergreift, sobald der Zahnarztbohrer, fiese Spritzen oder andere brenzlige Situationen drohen?
Der Wissenschaftler aus Israel hat mit seinem Team bei jungen Paaren untersucht, was Körperkontakt bewirken kann. Im Fachblatt Scientific Reports zeigen die Forscher, dass sich physiologische Vorgänge wie Herzschlag und Atmung bereits einander annähern, wenn sich Partner im selben Raum befinden. Plötzlich auftretender Schmerz – in diesem Fall ausgelöst durch leichte Hitzereize am Unterarm – unterbricht diese Synchronisierung jedoch. Dürfen sich die Paare hingegen berühren, während der Schmerz ausgelöst wird, passen sich die Rhythmen einander an und das Leiden wird weniger stark empfunden.
Die schmerzlindernde Wirkung der Berührung lässt sich sogar noch steigern. Sie fällt umso stärker aus, je ausgeprägter die Empathie füreinander ist. „Berührung könnte das Werkzeug sein, mit dem wir Mitgefühl vermitteln“, sagt Goldstein. „Die Folgen sind mit der Einnahme von Schmerzmitteln vergleichbar.“
Berührung ist die erste Sprache. Babys spüren von Anfang an die beruhigende Wirkung und behagliche Wärme, wenn sie angefasst werden. Sie wachsen schneller, sind weniger schmerzempfindlich und besser vor Infektionen geschützt, wenn sie immer wieder liebevoll berührt werden. Doch viele Gesellschaften pflegen mit zunehmendem Alter nicht Nähe und Körperkontakt; vielmehr prägen Distanz und Abgrenzung das Miteinander. Dabei gilt auch für Erwachsene, dass Gefäße elastischer bleiben, Herzinfarkte seltener sind und die Mobilität im Alter erst später eingeschränkt ist, wenn man immer wieder liebevoll berührt wird.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, auch wenn das im Alltag oft nicht zu spüren ist. Sehen Kinobesucher einen bewegenden Film, gleichen sich ihre Herzrhythmen und Atemzüge an, beim Singen und Tanzen geschieht das sowieso, aber auch zwei Fußgänger fallen nebeneinander in den gleichen Schritt und in Konferenzen nehmen Kollegen die gleiche Sitzhaltung ein. Umgekehrt ist Einsamkeit und Ablehnung sogar körperlich schmerzhaft. „Ausgrenzung tut physisch weh“, sagt Naomi Eisenberger von der University of California in Los Angeles. Sie spricht von „sozialen Schmerzen“, die entstehen, wenn jemand aus einer Gruppe ausgeschlossen wird und sich allein fühlt.
Paare, Freunde und Kollegen sollten deshalb die hauseigene Schmerzapotheke öfter nutzen, fordert Goldstein. Leiden lassen nach, und schon bei gelegentlichen flüchtigen Berührungen halten Beziehungen länger. Sogar ein Berg wirkt weniger steil, wenn man Händchen hält. Beim Anstieg zum Gipfel kann es nie schaden, im Gleichschritt und mit synchronem Puls voranzukommen.

EINSAME KRANKE LEIDEN BESONDERS

Wer sich sozial ausgeschlossen fühlt, leidet stärker unter Krankheits-Symptomen.
In einem Experiment infizierten Forscher Testpersonen mit Erkältungsviren. Für Personen, die in psychologischen Tests als einsam bewertet wurden, fühlte sich die Erkrankung schlimmer an.
Andere Studien liefern Hinweise dafür, dass Einsamkeit die Anfälligkeit für diverse Leiden steigert und die Abwehrkräfte schwinden.

Von Werner Bartens
Einsamkeit hat viele Schattenseiten. Wer sich von der Gemeinschaft ausgeschlossen und isoliert fühlt, bei dem leidet nicht nur die Seele, auch das körperliche Wohlbefinden wird dadurch erheblich beeinträchtigt. Sogar eine banale Erkältung fühlt sich dann schlimmer an. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen der Rice University im Fachmagazin Health Psychology (online). Vermutlich hat der Ausdruck, „verschnupft“ zu sein, daher seine doppelte Bedeutung.
„Es ist zwar schon länger bekannt, dass Einsamkeit die Wahrscheinlichkeit erhöht, an diversen chronischen Leiden zu erkranken und früher zu sterben“, sagt Angie LeRoy, die an der Studie beteiligt war. „Aber wir wollten wissen, wie sich dieses Gefühl auf eine vorübergehende akute Erkrankung auswirkt, die wir alle kennen und für die wir alle empfänglich sind.“ Die Forscher um den Psychologen Chris Fagundes ließen Freiwillige an einer originellen Untersuchung teilnehmen: 159 Erwachsene gaben zunächst ihre sozialen Interaktionen an. Zudem wurde in ausführlichen Evaluationen erfasst, wie einsam sie waren. Anschließend wurden sie via Nasentropfen mit Erkältungsviren infiziert und kamen fünf Tage zur Quarantäne in ein Hotelzimmer.
Nach kurzer Zeit entwickelten tatsächlich 75 Prozent aller Teilnehmer eine Erkältung. Wer vorher aufgrund der psychologischen Tests als besonders einsam eingestuft worden war, litt jedoch auffallend stärker an Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Wenige Kontakte und das Gefühl der Isolation führten dazu, dass die Symptome eines grippalen Infektes schlimmer empfunden wurden. Leichter angesteckt wurden die Einsamen hingegen nicht.
Die Zahl der Freunde bei Facebook sagt nichts über Einsamkeit aus

Das Gefühl der Einsamkeit war interessanterweise auch bei jenen Menschen vorhanden, die zwar etliche Bekannte haben, sich aber nicht wirklich aufgehoben und in die Gemeinschaft integriert wähnen. Auch die Zahl der „Freunde“ und „Follower“ in sozialen Netzwerken sagte nichts darüber aus, wie einsam sich die Menschen tatsächlich fühlten. „Wir haben auf die Qualität und nicht die Quantität der Beziehungen geachtet. Man kann sich auch in einem überfüllten Raum einsam fühlen“, sagt Angie LeRoy. „Die subjektive Wahrnehmung ist das, was zählt.“
Die Psychologen wollen den Blick dafür schärfen, dass bei Patienten immer auch die psychische Verfassung eine Rolle spielt, wenn sie krank in Praxis oder Klinik kommen. „Wir haben hier einen gezielten akuten Stressreiz, der auf eine bestimmte Verfassung, nämlich die Einsamkeit trifft“, sagt Psychologe Fagundes. Und bereits bei einer banalen Erkrankung wie zum Beispiel einer Erkältung zeigen sich erstaunliche Unterschiede.
In früheren Untersuchungen hatten Wissenschaftler gezeigt, dass einsame Menschen auch empfindlicher auf Schmerzreize reagieren. Ihre Schmerzschwelle ist durch das Gefühl der Isolation verändert, sodass die Ausgrenzung geradezu körperlich nachempfunden wird. „Ausgrenzung tut physisch weh“, sagt beispielsweise Naomi Eisenberger von der University of California in Los Angeles. Wer von anderen abgelehnt wird, bei dem werden die Nervenbahnen für Schmerzen empfänglicher; die Wissenschaftlerin spricht deshalb von „sozialen Schmerzen“.
Andere Studien liefern Hinweise dafür, dass Einsamkeit die Anfälligkeit für diverse Leiden steigert und die Abwehrkräfte schwinden. Fühlen sich Frauen in ihrer Partnerschaft nicht aufgehoben und zu wenig verstanden, erkranken sie öfter an Infekten – von der Bronchitis bis zur Blasenentzündung. Die Seele weint dann, sagen psychosomatisch orientierte Ärzte.